Neue Leseprobe

Hier kommt für euch eine Vorab-Leseprobe zum neuen Western-Women-Roman! Für diejenigen, die Die Colts einer Lady gelesen haben, gibt es ein Wiedersehen mit Randy. Miranda, die toughe Pinkerton-Detektivin, ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihre Geschichte unbedingt noch einmal aufgreifen wollte, und so beginnt der nächste Roman damit, dass sie tüchtig in sich gehen muss, um herauszufinden, was sie eigentlich will. Wohin sie ihr Weg am Ende führt? Abwarten. 🙂

Dass ein Western-Women-Roman eine Fortsetzung bekommt, ist eine Ausnahme. Natürlich kann man das neue Buch auch lesen, ohne den ersten Teil zu kennen.  Und hier kommt nun die Leseprobe, die ersten Seiten des neuen Romans.

1869, Sandy Lake

„Randy, kommst du? Unser Lunch wartet.“

Loyds vertraute Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Sie starrte noch immer auf das Telegramm in ihren Händen, das sie vor einer halben Stunde erhalten hatte. Zum Glück konnte Loyd es nicht sehen, da sie an dem großen Schreibtisch saß, der mitten im Raum stand.

„Ich bin bereit, wir können gehen.“ Sie faltete das Papier unauffällig zusammen und steckte es in ihre Jacke. Sie würde sich später damit befassen.

Der tägliche Gang zum Tearoom, wo sie und Loyd ein einfaches, von der Stadt bezahltes Mittagessen einnahmen, war zu einer liebgewonnenen Routine geworden. Sie sprachen meist über ihre Arbeit im Sheriffbüro, über Fälle, über berufliche Pläne und manchmal auch über Privates. Heute blieb Randy ungewohnt still und Loyd sah einige Male zu ihr hin.

„Ist alles in Ordnung?“, erkundigte er sich schließlich.

„Ja. Ja, alles bestens.“ Randy zwang sich zu einem Lächeln und begann zu plaudern, irgendetwas, das ihr gerade in den Sinn kam. Sie wollte ihm nichts von dem Telegramm erzählen. Seltsam, wie schnell das Jahr vergangen war. Ein neuer Frühling lag in der Luft, ließ den Duft von Blüten aus der Prärie durch die Straßen wehen und beschwingte jedermann nach diesem langen, kalten Winter. Die Sonne strahlte mit Kraft von einem wolkenlosen, blauen Himmel; das Singen der Vögel erklang aus allen Ecken.

Selbst nach all den Monaten, in denen sie und Loyd ständig in der Stadt zu sehen waren, warfen ihr die Menschen noch diese Blicke zu – neugierige, verständnislose, gelegentlich sogar verächtliche. Weil sie eine Frau in Männerkleidung war oder weil sie eine Beziehung mit Loyd führte, ohne verheiratet zu sein? Loyd grüßte wie üblich freundlich nach allen Seiten und zog es vor, alles andere zu ignorieren. Randy wünschte, sie hätte selbst diese stoische Ruhe. Stattdessen fing sie an zu kochen, sobald sie jemand dumm behandelte, weil sie eine Frau war.

Der Lunch bestand aus einem Kartoffeleintopf mit Weißbrot – schmackhaft und sättigend. Zum Nachtisch bekamen sie ein Stück Kirschkuchen und Kaffee serviert. Randy goss frische Sahne in ihre Tasse, denn die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass der Kaffee im Tearoom so stark aufgebrüht wurde, dass er ihr ohne mildernde Hilfsmittel den Magen verätzte.

Loyd beobachtete sie amüsiert; schließlich lächelte er, weil sie nach dem ersten Schluck das Gesicht verzog. Das war Randys ganz eigenes Ritual nach jedem Mittagessen, und trotzdem trank sie das Zeug.

Loyds Blick ließ ihr noch immer warm ums Herz werden. Monate der Glückseligkeit lagen hinter ihr, sie kosteten ihre Liebe voll aus, und doch … Bisher hatte keiner von ihnen über die Zukunft geredet. Randy bemühte sich meist, diese Gedanken zur Seite zu schieben. Sie wollte die Gegenwart genießen, und wenn Loyd sich nicht dauerhaft binden wollte, würde sie das akzeptieren.

Randy trank die Tasse leer, setzte ihren Hut auf und ging nach draußen, um auf Loyd zu warten, der noch mit einem der anderen Gäste sprach. Sie stand im Sonnenlicht und atmete tief ein. Die Luft war ausnahmsweise nicht staubig, denn in der Nacht hatte es geregnet. Sie verspürte Lust auf einen Ausritt. Vielleicht konnte sie den Fuchs satteln und einen Ausritt machen. Loyd ließ sich bestimmt dazu überreden, sie zu begleiten. Es gab für den Sheriff derzeit nicht viel zu tun.

„Guten Tag, Miranda.“

Randy erstarrte. Diese Stimme… War das …? Unmöglich! Sie wirbelte herum.

„Tante Emily!“ Sie beugte sich verwirrt vor, um ihre Tante auf die Wange zu küssen. „Was um alles in der Welt tust du hier? Ist Onkel Allan auch in Sandy Lake?“

„Aber natürlich. Da kommt er schon.“

Ein 50-jähriger Mann mit rundem Kopf und dunklem Vollbart trat auf sie zu und schloss Randy in die Arme, ehe sie etwas sagen konnte.

„Miranda! Welch eine Freude, dich zu sehen. Und du scheinst wohlauf zu sein. Wir waren besorgt deinetwegen.“

„Meinetwegen? Wieso denn nur?“

Ihre Tante fing an, Randys Hut und Kragen zurechtzurücken. „Wirklich, Miranda, wie du herumläufst! Ich wünschte, du würdest dich kleiden, wie es sich für eine Frau geziemt. Und warum sollten wir uns keine Sorgen machen? Wir haben so lange nichts von dir gehört, dein letzter Brief kam vor Weihnachten.“

Randy schüttelte die Finger ihrer Tante ab. „Ja, Tante, aber es geht mir gut, wie du siehst. Weshalb seid ihr hier? Doch bestimmt nicht nur, um mich zu besuchen.“

„Hast du mein Telegramm nicht erhalten?“ Allan Pinkerton zog die Augenbrauen in die Höhe. In seinen Bart und an seinen Schläfen hatten sich viele weiße Haare eingeschlichen.

„Darin stand nichts über euren Besuch.“

„Wir wollten dich überraschen. Aber wegen dieser Sache sind wir hier.“

Das Telegramm – natürlich. Nun ließ es sich endgültig nicht mehr vergessen.

„Was tust du in dieser Stadt eigentlich?“, fragte Emily Pinkerton mit einem ratlosen Ausdruck. Auch ihr Haar wurde allmählich grau und ihr Gesicht trug mehr Fältchen als in Randys Erinnerung.

„Das weißt du doch! Ich helfe Loyd, dem Sheriff.“

„Genügt dir das denn, Miranda?“ Ihr Onkel musterte sie aufmerksam.

„Was meinst du?“

„Ich erinnere mich an eine aufmüpfige Sechzehnjährige, die sich wütend vor mir aufbaute, die Hände in die Taille stemmte und mir mit blitzenden Augen erklärte, ich sei hoffnungslos rückständig, wenn ich mich weigerte, sie zum Detective zu machen.“

Randy schmunzelte. „Hast du ihr denn geglaubt?“

„Selbstverständlich! Ich habe dich eingestellt, oder nicht?“

„Ich hatte nie den Eindruck, dass du von mir überzeugt bist.“

„Ich habe dich vielleicht mehr gefordert als die anderen, aber du hast die umfassendste Ausbildung erhalten und bist heute einer meiner besten Detectives.“ Er sprach nicht weiter, doch Randy wusste, worauf er hinaus wollte. „Ich brauche dich, Miranda. Ich brauche dich in dieser Angelegenheit.“

Ehe Randy darauf antworten konnte, erschien Loyd und sie stellte ihn ihrer Tante und ihrem Onkel vor. Loyd schüttelte den beiden beeindruckt die Hand.

„Miranda, Mr. Warren, wir würden uns über eure Gesellschaft beim Abendessen freuen“, sagte Allan Pinkerton in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. „Um sieben Uhr im Hotel. Einverstanden?“

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